„Das Patriarchat kostet.“ – Oft meinen wir damit gefühlte Kosten: die Angst auf dem nächtlichen Heimweg, die permanente Doppelbelastung durch Job und Care-Arbeit, das Aushalten dummer Sprüche im Club oder die Wut, wenn der schlechter qualifizierte Kollege befördert wird. Doch toxische Männlichkeit kostet nicht nur Nerven – sie kostet auch bares Geld. Enorm viel Geld.
Der Wirtschaftswissenschaftler und Berater Boris von Heesen hat in seinem Buch „Was Männer kosten – der hohe Preis des Patriarchats“ versucht, diese Kosten zu berechnen. Sein Ergebnis ist drastisch:
Toxische Männlichkeit belastet unser Gemeinwesen jedes Jahr mit mindestens 63 Milliarden Euro. Und in zwanzig Jahren könnte sich der Schaden auf weit über eine Billion Euro summieren.
Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: Berücksichtigt wurden nur Bereiche, in denen es verlässliche und öffentlich zugängliche Daten gibt. Die tatsächliche „finanzielle Schneise der Verwüstung“, wie von Heesen es nennt, dürfte noch deutlich größer sein.
Bleibt die Frage: Warum „kosten“ Männer so viel?
Männer dominieren die Statistiken des Abgrunds
Ein Blick auf die Zahlen zeigt ein klares Muster: Männer fallen dort besonders auf, wo es gefährlich, zerstörerisch und teuer wird.
- Sie verursachen rund doppelt so viele Verkehrsunfälle wie Frauen.
- Etwa 94 Prozent der Gefängnisinsassen sind männlich.
- Männer dominieren bei Wirtschaftskriminalität, Diebstählen und generell bei schweren Straftaten. Je schwerer das Verbrechen, desto größer der Männeranteil.
- Auch bei Süchten liegen Männer vorne:
- Rauchen: ca. 58 % der Betroffenen sind Männer
- Alkoholabhängigkeit: ca. 75 %
- Drogenabhängigkeit: ca. 80 %
- Spielsucht: ca. 88 %
All diese Bereiche verursachen immense Kosten: für Polizei, Justiz, Haftanstalten, Prävention, Therapie und Gesundheitsversorgung. Und sie treffen nicht nur die Täter selbst, sondern die ganze Gesellschaft.
Häusliche Gewalt: Die unsichtbare Kostenlawine
Besonders deutlich werden die finanziellen Folgen toxischer Männlichkeit am Beispiel Gewalt in Partnerschaften.
- Mehr als 80 Prozent der häuslichen Gewalt geht von Männern aus.
- Hinter diesen Zahlen stehen Dramen, die sich täglich hinter verschlossenen Türen abspielen:
- Mord und Totschlag
- Freiheitsberaubung
- Stalking
- Vergewaltigung
- körperliche und seelische Misshandlung durch Partner oder Ex-Partner
Diese Gewalt verursacht messbare direkte Kosten:
- Polizeieinsätze
- Strafverfahren
- Gerichte
- der Betrieb von Frauenhäusern und Schutzwohnungen
Allein in Deutschland belaufen sich diese direkten Kosten häuslicher Gewalt auf etwa 803 Millionen Euro pro Jahr.
Dazu kommen die indirekten Kosten: Viele Betroffene sind so traumatisiert, dass sie langfristig oder dauerhaft nicht mehr arbeiten können. Die Folge: Die Gesellschaft trägt zusätzliche Kosten in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro jährlich, etwa durch Renten, Sozialleistungen, Behandlung und Reha.
Hinter jeder Zahl steckt ein zerstörtes Leben – und ein Preis, den wir alle mitbezahlen.
„Richtige Männer“ essen Fleisch – und die Krankenkassen zahlen mit
Toxische Männlichkeit zeigt sich nicht nur in Gewalt und Kriminalität, sondern auch in alltäglichen Lebensstilen, die teuer werden – vor allem im Gesundheitswesen.
Viele Rollenklischees drehen sich um Essen und Trinken:
Ein „richtiger Mann“ hat keine Angst vor Fett, Alkohol und großen Portionen. Gemüse ist „Hasenfutter“, Salat etwas für Frauen. Das klingt nach Stammtischhumor, hat aber reale Folgen:
- Männer essen laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 78 Prozent mehr Fleisch und Wurst als Frauen.
- Der Anteil der Vegetarier lag 2020 bei Männern bei gerade einmal 20 Prozent.
- Männer trinken laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung sechsmal so viel Bier wie Frauen und viermal so viele Softdrinks.
Von Heesen fasst es so zusammen:
Das patriarchale Männerbild suggeriert, ein Mann könne ohne Konsequenzen essen und trinken, was er will – oder solle es sogar, um „ein richtiger Mann“ zu sein.
Das Problem:
- Hoher Fleischkonsum belastet die Umwelt, verstärkt die Klimakrise und verursacht langfristig Kosten für Umwelt- und Klimaschutz.
- Ungesunde Ernährung, zu viel Alkohol und Zucker fördern Übergewicht und Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten.
Allein das Übergewicht verursacht im deutschen Gesundheitswesen Kosten von rund fünf Milliarden Euro pro Jahr. Ein erheblicher Teil davon hängt an starren Vorstellungen davon, was „männlich“ ist.
Es geht nicht um „die Männer“ – sondern um das System
Bei all diesen Zahlen wirkt es verführerisch, mit dem Finger auf „die Männer“ zu zeigen. Genau davor warnt Boris von Heesen jedoch ausdrücklich. Ihm geht es nicht um Männerbashing, sondern um eine Kritik am Patriarchat und den dadurch geprägten Rollenstereotypen.
Wichtige Punkte:
- Männer sind nicht „von Natur aus“ so – sie wurden in ein System hineingeboren, das ihnen bestimmte Verhaltensweisen nahelegt oder sogar abverlangt.
- Dieses System lässt Männern oft wenig Spielraum, sich emotional, sozial und körperlich gesund zu entwickeln.
- Die Konsequenz: Diese männlichen Rollenbilder werden für viele Männer selbst zum Gefängnis.
Von Heesen ist überzeugt:
Alle leiden unter toxischer Männlichkeit. Auch die Männer.
Denn wer ständig stark, unverwundbar, dominant und risikobereit sein muss,
- geht seltener zur Vorsorge,
- spricht nicht über psychische Probleme,
- trinkt eher zu viel,
- arbeitet sich kaputt,
- und sucht Bestätigung in Macht, Gewalt oder Statussymbolen.
Was nach Privileg aussieht, entpuppt sich oft als hochriskante Lebensweise mit persönlichem und gesellschaftlichem Preis.
Wie wir Milliarden sparen – und Leid verhindern können
Die große Frage lautet: Wie können wir diese Kosten senken?
Oder positiver formuliert: Was könnten wir alles bewegen, wenn diese Milliarden in Bildung, Gesundheit, Klimaschutz, Care-Arbeit oder soziale Projekte fließen würden, statt in Gefängnisse, Gerichte und Krankenhausbetten?
Von Heesen ist klar:
Diese Kosten werden nur sinken, wenn wir gemeinsam das Patriarchat auflösen. Das ist kein Über-Nacht-Projekt, sondern ein gesellschaftlicher Transformationsprozess. Aber es gibt konkrete Hebel.
1. Männerrollen reflektieren und Privilegien erkennen
Vor allem Männer sind gefragt, ihre eigenen Rollenbilder zu hinterfragen:
- Was habe ich als Junge gelernt, was „männlich“ ist?
- Wo schadest du dir selbst, um „hart“ oder „stark“ zu wirken?
- Wo profitierst du von Privilegien – im Job, in Beziehungen, im Alltag?
- Wo schweigst du, obwohl du sexistisches, übergriffiges oder gewalttätiges Verhalten beobachtest?
Selbstreflexion ist kein „Soft Skill“, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit, wenn wir Leid und Kosten reduzieren wollen.
2. Mehr fortschrittliche Väter und faire Care-Arbeit
Ein weiterer Schlüssel: Vaterschaft neu denken.
Wir brauchen mehr Väter, die
- Verantwortung in der Care-Arbeit übernehmen,
- Elternzeit nicht nur „mitnehmen“, sondern aktiv gestalten,
- eine gesunde Work-Family-Balance leben,
- ihren Söhnen und Töchtern zeigen, dass Fürsorge, Emotionen und Verletzlichkeit nichts Unmännliches sind.
Jede Stunde unbezahlter Care-Arbeit, die gerechter verteilt wird, entlastet Frauen, stärkt Familien – und beugt langfristig psychischer und physischer Überlastung vor, die wiederum Kosten im Gesundheitssystem verursacht.
3. Klare Haltung gegen Sexismus – und aktiv eingreifen
Es reicht nicht, „privat eigentlich ganz okay“ zu sein.
Wir alle – Männer, Frauen, nichtbinäre Menschen – müssen uns klar gegen Sexismus positionieren:
- widersprechen, wenn Frauen abgewertet oder sexualisiert werden,
- einschreiten, wenn wir sexuelle Belästigung beobachten,
- Betroffene ernst nehmen, statt sie zu gaslighten („Stell dich nicht so an“),
- in Unternehmen, Schulen, Vereinen Strukturen fördern, die Gleichberechtigung stärken.
Jedes Mal, wenn wir nicht wegschauen, sondern handeln, schützen wir Menschen – und verhindern potenziell Eskalationen, die später Justiz, Polizei und Gesundheitssystem beschäftigen.
Fazit: Weniger toxisch, mehr menschlich – für alle
Toxische Männlichkeit ist kein abstraktes Schlagwort aus der Gender-Debatte, sondern ein handfestes Kostenproblem – menschlich wie finanziell. Gewalt, Kriminalität, riskante Lebensweisen und starre Rollenbilder erzeugen eine Milliardenbelastung, Jahr für Jahr.
Aber die gute Nachricht ist:
Was durch gesellschaftliche Normen erzeugt wird, kann durch gesellschaftliche Veränderungen auch wieder verändert werden.
- Wenn Männer andere Vorstellungen von Stärke entwickeln,
- wenn Care-Arbeit fairer verteilt wird,
- wenn wir Sexismus nicht mehr durchgehen lassen,
- wenn Jungen lernen, dass Gefühle zeigen mutig ist, nicht schwach
dann sparen wir nicht nur Milliarden.
Wir gewinnen auch etwas viel Wertvolleres: weniger Leid, mehr Freiheit und mehr Menschlichkeit – für alle Geschlechter.
Und genau das könnte die beste Investition sein, die wir als Gesellschaft jemals tätigen.

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