Aufwachsen in einer Hippie-Kommune – Frieden schaffen

Tofu-Aufläufe, Kommune, Waldorfkindergarten, Antikriegsproteste – das sind nur einige der Kennzeichen einer Kindheit, vor allem in meiner, in der Gegenkultur. Was wurde aus den Kindern, denen man Fleisch verweigerte, die der freien Liebe ausgesetzt waren und denen man Nomen, wie Sunshine, Freedom, River, oder Pearl als Namen gab?

Obwohl meine Kindheit in mancher Hinsicht einzigartig war, ist sie doch nicht so ungewöhnlich. Ich war noch sehr klein, wusste trotzdem immer, dass wir kein Leben einer normalen Familie führten. Meine frühe Kindheit verbrachte ich damit, im Sommer halbnackt und barfuß unter der Sonne Kaliforniens herumzulaufen, und den Rest meiner Kindheit verbrachte ich damit, durch die Welt zu ziehen. Ich habe gerne damit geprahlt, dass wir x-mal umgezogen sind . Es stimmt und später im Leben bin ich nochmal so viel umgezogen. Ich habe teilweise den Kindergarten, in verschiedenen Ländern, wie Spanien, Frankreich und Deutschland besucht. Meine Eltern waren immer auf dem Weg, sich selbst zu finden und die Welt zu erkunden.

Wir waren Hippies. Echte Hippies, nicht wie die, die in den 90er Jahren auftauchten, als die Leute mit ihren Plastik-Ohrringen mit Friedenszeichen und zerrissenen Jeans. Wir haben Yoga praktiziert und meditiert, Tofu gegessen und Sojamilch getrunken, bevor irgendjemand überhaupt davon gehört hatte – damals musste man noch in einen speziellen Laden gehen, um Tofu zu kaufen.

Und daran erkennst du, dass du von Blumenkindern aufgezogen wurdest:

-Der Tag, an dem John Lennon starb, war eine Familientragödie von epischem Ausmaß. Es war wie der Verlust eines Familienmitglieds: John (ja, er wurde bei uns nur mir Vornamen genannt) hatte mir Schlaflieder vorgesungen, als ich noch im Mutterleib war.

-Wir haben uns ausschließlich Bio ernährt und „verarbeitete Lebensmittel“ gemieden, bevor irgendjemand sonst diese Begriffe verwendet hat. Als ich aufwuchs, durfte ich kein Müsli mit Zuckerzusatz essen, geschweige denn mit künstlichen Farb- oder Aromastoffen. Meine Mutter hat es selbst hergestellt.

-Meine Eltern haben mir schon früh etwas über Sex beigebracht und sie gaben mir dieses Sexual-Buch als Nachschlagewerk, damit ich etwas über weibliche Orgasmen, Geburtenkontrolle, Abtreibungen, Masturbation und natürliche Geburten lernen konnte – und das alles im reifen Alter von ca. 10 Jahren.

-Anfangs ich konnte meine Faszination zum Material Girl verbergen, denn sie schien all das zu verkörpern, was am kapitalistischen System falsch war.

-Chips und andere Snacks? Nein, Snackzeit war eine Schale mit Sonnenblumenkernen auf dem Couchtisch aus Weidengeflecht. Wenn man etwas Besonderes wollte, war ein mit Johannisbeeren – Marmeladenbrot, das war ein Reiskuchen mit selbst gepflückten Johannisbeeren aus eigenem Garten, ein dekadenter Genuss.

-Ohne es zu wollen, habe ich den Weihnachtsmann im Schulbus entlarvt. Meine Eltern sagten mir das sei alles erfunden – aber sie vergaßen zu erwähnen, dass die anderen Kinder das nicht wissen sollten, dass ihre Eltern es vorzogen, dass sie in seliger Unwissenheit blieben.

-Als die Leute das Wort „Müsli“ benutzten, um das Hippiedasein zu beschwören, dachte ich: „Was ist denn so toll an Müsli?“ Müsli = Frühstück.

Wie die meisten Hippie-Kinder hatte ich eine wunderbare, unvollkommene Kindheit. Obwohl ich all das schätze, was mich mein Zigeunerleben über Vielfalt und Widerstandsfähigkeit gelehrt hat, habe ich es irgendwie gehasst, mein Leben jedes Jahr umzukrempeln. Und oft verspürte ich den heimlichen Wunsch, einfach ein bisschen „normaler“ zu sein, ohne die anstrengende Notwendigkeit, den Status quo mit jedem Atemzug in Frage zu stellen.

Und obwohl sich auch meine Eltern mittlerweile dem traditionellen Familienleben zugewandt haben und beide beruflich erfolgreiche Karrieren hatten und vollkommen im bürgerlichen angekommen sind, haben wir uns bis heute noch ein Stückchen Gegenkultur und Naturverbundenheit bewahrt. Aber ich habe das große Glück, dass ich damit aufgewachsen bin, dass ich dazu ermutigt wurde, Autoritäten in Frage zu stellen, bei allem über den Tellerrand zu schauen, zu glauben, dass Kunst und Musik die Welt verändern können, dass Menschen wichtiger sind als jeder materielle Wert und vor allem, dass Liebe alles ist, was man im Leben braucht.

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